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Wie kann ich signalisieren, dass ich dieses Lied tanzen möchte?

Tanzen gehen, zum Tanzen kommen

Dieser Artikel betrachtet den Tango Argentino und die Milonga als ein Kulturgut und Erbe, denen ich mich verpflichtet fühle, indem ich sie so weitergebe wie ich sie erhalten habe und nicht einfach als Tanzform und Ort für eine Tanzgelegenheit.

Den Ort, an dem sich Liebhaber des argentinischen Tangos treffen, die „Milonga“, einfach mit einer Tanzveranstaltung gleichzusetzen, ist falsch und unvollständig. Sie ist vielmehr eine soziale Veranstaltung. In ihr lebt der Tango in verschiedenen Ausdrucksformen. Neben Tanz ist sie ein Ort der Begegnung, des Gesprächs und der Wahrnehmung. Manchmal dient sie sogar als Zufluchtsort, wenn eine Person nichts anderes möchte als sich in der melancholischen Atmosphäre der Milonga treiben zu lassen.

Sobald der Tango als ein kulturelles Geschehen wahrgenommen wird, verwandelt sich die Milonga in einen Raum, der einen reichen Fächer an Verhaltensweisen bereithält, die sich nicht alleine auf das gemeinsame Tanzen reduzieren lassen. Willkommen sind auch diejenigen, die zwar nicht tanzen, aber  als Genießende  das kulturelle Geschehen begleiten – als Zuschauer, Gesprächspartner und Freunde. Ganz ungezwungen dürfen sie anderen beim Tanzen zuschauen, die Musik  gemeinsam mit anderen hören oder Gespräche in der Atmosphäre des Tangos führen.

Wie kann ich signalisieren, dass ich dieses Lied tanzen möchte?

Wenn eine Dame oder ein Herr als Tangoanfänger zum ersten Mal eine Milonga (s.o.) besuchen, werden sie schnell auf besondere oder auch fremde Verhaltensweisen und Kodices unter den erfahrenen Tänzern stoßen. Sie werden sehr bald das Bedürfnis bekommen, ein Gespür für diese besondere Form der Kommunikation zu entwickeln. Um im Umgang auf der Milonga nicht unbeholfen zu wirken, müssen verschiedene Bräuche und Regeln erkannt, verstanden und erlernt werden. Viele dieser Bräuche sind anders und wirken raffinierter als die alltägliche Vorstellung von guten Umgangsformen.

Um sie zu verstehen, muss man ihr eigenes kulturelles Umfeld kennen und ihren Schatz im Kontext ihrer Geschichte bergen. Diese Geschichte gibt den vielleicht fremd erscheinenden Regeln und Bräuche einen Sinn, der auch heute nichts von seiner Gültigkeit eingebüßt hat.

Ich werde versuchen, diesen Sinn zu erklären.

Im gepflegten, traditionellen argentinischen Tango fordern die Herren die Damen auf. Die Verpflichtung für die Herren besteht darin, dies in einer Art und Weise zu tun, die für die Öffentlichkeit unbemerkt bleibt. Diese Form der Aufforderung eröffnet der Dame den Raum, privat und ohne Druck eine Zusage oder Absage zu erteilen. Damit wird das Wohl oder Weh der Aufforderung in die Hand der Dame gelegt – ihr steht es frei, sie abzulehnen oder anzunehmen. Daraus entwickelte sich in Argentinien das Auffordern mittels „Cabeceo“, der seitdem als Schutz der Privatsphäre innerhalb eines Paares wirkt und sich als berechtigte Form der Aufforderung zum Tanzen durchgesetzt hat.

Wie funktioniert der „Cabeceo“?

Die Übersetzung für „Cabeceo“ ist „Kopfnicken“. Wenn ein Herr tanzen möchte, sucht er mit seinem Blick den Blick einer Dame. Er möchte diese Tanda (also diese Reihe von drei bis vier tanzbaren Liedern – dazu mehr weiter unten) am liebsten mit ihr tanzen. Wenn diese Dame ebenfalls mit ihm tanzen möchte, richtet sie ihren Blick auf seine Augen. Sobald ihr Blick den Blick des Mannes findet, kann er sie auffordern. Er gibt der  Dame mit einer kleinen Kopfbewegung nach unten, dem Kopfnicken, zu verstehen, dass er mit ihr tanzen möchte. Zur Annahme des Angebots sagt die Dame ebenfalls mit dem Kopf „ja“, während ihre Blicke immer noch in Verbindung bleiben. So ist die Aufforderung angenommen. Bis zum vollständigen Abschluss der Aufforderung bleibt die Dame auf ihrem Platz sitzen (oder stehen, wenn sie während der Aufforderung gestanden hat) und lässt den Mann zu ihr kommen. Sie steht erst auf, wenn sie ganz sicher ist, die gemeinte Dame zu sein, was bei einer vollen Milonga manchmal nicht ganz offensichtlich ist. Es ist ein empfehlenswerter Brauch, immer in voller Ruhe zu jeder angenommenen Aufforderung zu reagieren. Die Aufforderung ist mit der Umarmung auf der Tanzfläche abgeschlossen. Eine Ablehnung der Aufforderung braucht kein besonderes Zeichen und keine Antwort: die Dame erwidert einfach nicht den Blick und den Cabeceo des Herren. Somit bekommt der Herr keine direkte, bloßstellende Absage, und die Dame kann ohne Zwang wählen.

Dieser Prozess ist ein sehr wichtiges Ritual. Der  Cabeceo ist ein Milonga-Kodex, der den Tango zum Ort des edlen Umgangs zwischen den Geschlechtern verwandelt hat.
Wann ist der richtige Zeitpunkt für das Auffordern mit Cabeceo? Die Aufforderung ist ein wesentlicher Teil des Tanzgeschehens und folgt ebenfalls einem Rhythmus im Verlauf des Abends. In einer Milonga gibt es eine klare Struktur, wie die Reihenfolge der Lieder aufgelegt wird. Dafür sind zwei Momente entscheidend: Der erste ist die „Tanda“, also eine Reihe von drei oder vier tanzbaren Liedern, die in der Regel vom selben Orchester stammen oder einer ähnlichen Grundstimmung folgen. Die Tanda ermöglicht das Tanzen. Im Laufe des Abends werden mindestens drei Tanzmusikrichtungen in Form von Tandas gespielt: Tango, der Tango-Vals und die Milonga. In Buenos Aires ist es auch üblich einmal pro Abend eine Tanda mit einer anderen Musikrichtung zu spielen. Als neue Erscheinung der letzten Jahre wird zum Beispiel Chacarera gespielt, während Swing, Salsa, Rock´n Roll u.a. als Klassiker auch heute noch zu finden sind. Die Tandas für Milonga, Vals und andere Musikrichtungen umfassen üblicherweise drei Stücke pro Tanda, die Tango-Tandas dagegen immer vier.

Darüber hinaus werden die verschiedenen Tandas in einer festgelegten Reihenfolge aufgelegt. Üblich hier ist die Sequenz Tango, Vals, Tango, Milonga, welche durch den ganzen Abend wiederholt wird. Beim Tango ist auch sehr verbreitet, zwei Tango-Tandas nacheinander (von unterschiedlichen Orchestern) zu spielen.

Der zweite Moment ist die „Cortina“, die Unterbrechung. Diese dient als selbstverständliche Tanzpause, Unterbrechung und Wechsel. Sie besteht aus einem Musikstück, das zwischen den Tandas gespielt wird. Es gibt keine Regel in Bezug auf die Musikart der Cortinas. Sie muss sich nur deutlich von der Tandamusik unterscheiden. Während der Cortina können sich die Tanzpaare trennen ohne ausdrücklich eine Begründung geben zu müssen. Viele Tänzer gönnen sich eine Pause oder bereiten sich auf eine neue Tanda vor, mit einem anderen Tanzpartner.

Dieses abwechselnde Muster bleibt den ganzen Abend bestehen und dient den Tänzern als Orientierung.

Die Abwechslung zwischen Tandas und Cortinas bringt weitere positive Auswirkungen mit sich.Mehrere Tänzer bekommen  die Gelegenheit, miteinander zu tanzen. Mit der Zeit und einem besser entwickelten Gespür wissen die Tänzerinnen und Tänzer eindeutiger einzuschätzen, wie viel Gefallen sie miteinander im Tanz gefunden haben. Eine zweite Tanda am selben Abend ist ein Indiz für Wohlgefallen, eine dritte spricht für noch mehr Begeisterung. Diese Informationen sind wichtig, um vorsichtig und rücksichtsvoll gegenüber den Gefühlen der anderen zu handeln.

Es ist ein wichtiger Teil der Tradition nur eine Tanda per Cabeceo mit derselben Person zu tanzen.

Die Trennung während der Cortina ermöglicht wie gesagt einen Ruhemoment. Das kann für den Körper oder auch für die Gefühle der Tänzer von Bedeutung sein. Ein Herr kann beispielsweise am Tisch sein Jackett ausziehen oder kurz frische Luft schnappen, falls er beim Tanzen sich überhitzt gefühlt hat. Oder eine Dame möchte sich vielleicht mit Freunden unterhalten oder ein Glas Wein trinken. Ein dritter Tänzer wiederum braucht Abstand von einer intensiven Erfahrung. Damen wie  Herren können von diesen Pausen profitieren und bei der nächsten schönen Tanda wieder einsteigen.

Zuletzt ist eine bedeutende Aufgabe von Tandas und Cortinas die Festlegung des Cabeceo-Moments.

Wann soll ich auffordern und mich auffordern lassen? Die aktuelle Tanda klingt aus, die Cortina kündigt die neue an. In diesem Moment wissen wir noch nicht, ob die nächste Tanda unseren Geschmack trifft. Aus diesem Grund ist der richtige Moment für den Cabeceo der Beginn der neuen Tanda. Die ersten 30 Sekunden des ersten Liedes sind dafür da, wenn Musikrichtung und Orchester offenbart werden.

Als Teil des tanzenden Publikums, muss der Herr, wenn er tanzen möchte, sich für die kommende Tanda vorbereiten. Das heißt zum Beispiel, man unterbricht rechtzeitig und auf eine höfliche Art das Gespräch. Man kommuniziert den Wunsch zu tanzen. Für diesen sollte es immer von allen volles Verständnis geben. Im Fall von einem Gespräch zwischen Mann und Frau, sollte der Mann das Gespräch auf eine ungezwungene Art pausieren, um sie frei zu lasen. Die Dame kann dann das Gespräch fortführen oder sich auf den Cabeceo konzentrieren. Es gilt als unhöflich eine Dame durch das Gespräch während der  Cortina abzulenken oder zu blockieren, um sie beim Anfang der Tanda verbal aufzufordern.

Die Herren fordern eine Dame nicht, wenn sie im Gespräch ist. Die Damen lassen sich nicht auffordern, wenn sie im Gespräch bleiben wollen. Sie wenden den Blick von ihrem  Gesprächspartner nicht ab, um unschöne Konfusionen zu vermeiden. Wenn sie wiederum tanzen wollen, richten  die Damen ihren Blick auf den des Mannes, mit welchem sie tanzen möchten. Währenddessen sollten sie nicht mit jemand anderem sprechen, mit dem Handy spielen oder sich in   Meditation befinden. Das Ritual des Cabeceos fordert eine gewisse Konzentration. Die Damen und Herren werden am Anfang des ersten Liedes aufmerksam und schauen aktiv zum gewünschten Tanzpartner.

Was passiert wenn das Cabeceo nicht gelingt? 

Wenn der Herr sich für eine Frau entschieden hat und diese von jemand anderem aufgefordert wird, oder nicht mit ihm tanzen möchte, bleibt er die Tanda sitzen, um seine Wahl zu würdigen. Wenn eine Dame keine passenden Tanzpartner gefunden hat ebenfalls.

Das späte Auffordern, zum Beispiel beim zweiten Lied, ist nur angemessen, wenn die Tanzfläche nicht bereits zu voll ist. Bei Vals- oder Milonga-Tandas ist dies noch weniger zu empfehlen, weil nur noch zwei Lieder zum gemeinsamen Tanzen verbleiben.

Trotz der Verbreitung des Cabeceos kann es auf Milongas dennoch passieren, dass Herren versuchen werden, sehr direkt oder verbal aufzufordern. Der Dame steht frei, eine Zu- oder Absage zu erteilen. Manche Damen finden diese Annährungsart grundsätzlich nicht erwünscht und werden der direkten Aufforderung eine ebenfalls unvermittelte Ablehnung erteilen. Aus der Erfahrung ist anzumerken: Wenn bereits bei der Aufforderung kein gemeinsames Verständnis für Höflichkeit und Etikette herrscht, ist es sehr unwahrscheinlich, dass beide das Tanzen ähnlich spüren und pflegen. Eine Tanda, die aus Höflichkeit oder gar Mitleid getanzt wird, ist selten ein schönes Erlebnis, und hinterlässt für beide einen negativen Beigeschmack.

Im besten Fall beginnt eine unvergessliche Erfahrung nicht erst in der Umarmung auf der Tanzfläche, sondern bereits in der gefühlvollen Vorbereitung und Auswahl beider Tänzer.

Wo passiert der Cabeceo?

Ein sehr wichtiger Faktor für eine gelungene Aufforderung ist die Positionierung im Raum. In einer traditionellen Milonga gibt es verschiedene Bereiche. Neben der Tanzfläche befinden sich die Sitzplätze: Tische und Stühle sind in der Regel seitlich oder um die Tanzfläche platziert. Eine Bar (im selben Raum oder getrennt) ist fast immer vorhanden. Die Tanzfläche ist für die Tänzer gedacht, sie haben hier die Priorität. Die Gäste, die durch die Tanzfläche gehen müssen, passen sich an die Bedürfnisse der Tänzer an und sollen sich möglichst nur am Rande von ihr  bewegen.

Der Sitzbereich hat verschiedene Funktionen. Eine davon ist die Möglichkeit, Getränke und auch Speisen zu verzehren, und selbstverständlich möchte jeder Gast sich erholen und mit Freunden Gespräche führen. In manchen Milongas sitzen Habitués jede Woche am selben Tisch und empfangen hier ihre Gäste. Der gewöhnliche Umgang in einer traditionellen Milonga ist, einen festen Sitzplatz für den ganzen Abend zu haben. Dadurch ist es für alle einfacher zu wissen, wo die gewünschten Tanzpartner aufgefordert werden können. Der Tisch oder Sitzplatz sollte, wenn möglich, am Rande der Tanzfläche stehen. Die Gäste können eine klare Sicht zu den anderen Sitzplätzen behalten und gleichzeitig sichtbar für die andere bleiben. Wer keinen festen Platz hat, sollte sich um einen bemühen. Genauso wie in einem Restaurant oder Lokal ist es jedoch auch auf Milongas unhöflich, sich ohne zu fragen an einen fremden Tisch zu gesellen,  weil scheinbar ein Stuhl frei steht.

Die Tänzer können auch an der Bar bleiben, wenn diese sich für Cabeceo eignet. Der Cabeceo kann im Sitzen oder Stehen versucht werden. Wenn vom eigenen Platz kein Blickkontakt zur gewünschten Dame möglich ist, kann ein neuer Platz gesucht werden. Dabei achtet jeder Herr, dass keine anderen Tänzer in ihren Blicken zur Tanzfläche blockiert werden. Beim Stehen sollte der Abstand zur Dame den Cabeceo nicht verraten. Wenn man sich sehr nah steht, soll der Herr nicht den ganzen Körper zur Dame richten, nur sein Blick darf auf ihren Blick hoffen.

Es ist nicht gepflegt zum Tisch zu gehen, drei Meter davor  stehen zu bleiben und mit „Cabeceo“ oder gar verbal aufzufordern. Mit dieser für alle Anwesenden deutlichen Handlung wird die Privatsphäre der Dame (und des Herrn) verletzt. Eine Dame kann sich unter Druck gesetzt fühlen und ihre Entscheidung nicht mehr völlig freiwillig treffen. Und falls die Dame die Einladung abschlägt, kann es für den Herren verletzend sein.

Wenn wir mit Freunden am Tisch sitzen, soll der Cabeceo ebenfalls sehr sanft und unauffällig geschehen, ohne offensichtliches Fragen oder sonstige Kommentare.

Bei persönlichen Beziehungen haben die Regeln des Cabeceos keinen Vorrang, können aber trotzdem als liebevoller Rahmen eingesetzt werden.

Die Welt würde die Bücher nicht fassen, was es dazu noch zu sagen gäbe. Als nächstes werden wir uns mit dem Thema Schuhwerk und dessen Entwicklung, Mode und Funktion beschäftigen.